- ERKLÄRUNG ZUR GELDPOLITIK
PRESSEKONFERENZ
Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, Luis de Guindos, Vizepräsident der EZB
Frankfurt am Main, 5. Februar 2026
Guten Tag, der Vizepräsident und ich begrüßen Sie zu unserer Pressekonferenz.
Als Erstes möchten wir Bulgarien zu seinem Beitritt zum Euroraum am 1. Januar 2026 gratulieren. Außerdem heißen wir Dimitar Radev, den Präsidenten der Българска народна банка (Bulgarischen Nationalbank), im EZB-Rat herzlich willkommen. Die Zahl der Mitglieder des Euroraums hat sich seit 1999 fast verdoppelt. Dies zeugt von der Attraktivität der gemeinsamen Währung und den dauerhaften Vorzügen der europäischen Integration.
Wir werden Sie nun über die Ergebnisse der heutigen Sitzung informieren.
Der EZB-Rat hat heute beschlossen, die drei Leitzinssätze der EZB unverändert zu belassen. Unsere aktualisierte Beurteilung bestätigt erneut, dass sich die Inflation auf mittlere Sicht bei unserem Zielwert von 2 % stabilisieren dürfte. Die Wirtschaft zeigt sich in einem schwierigen globalen Umfeld nach wie vor robust. Die niedrige Arbeitslosigkeit, solide Bilanzen im privaten Sektor, die allmähliche Umsetzung der Pläne für öffentliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur sowie die stützenden Auswirkungen unserer vergangenen Leitzinssenkungen fördern das Wachstum. Zugleich ist der Ausblick nach wie vor von Unsicherheit geprägt, was insbesondere auf anhaltende globale handelspolitische Unsicherheiten und geopolitische Spannungen zurückzuführen ist.
Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich die Inflation auf mittlere Frist bei unserem Zielwert von 2 % stabilisiert. Die Festlegung des angemessenen geldpolitischen Kurses wird von der Datenlage abhängen und von Sitzung zu Sitzung erfolgen. So werden unsere Zinsbeschlüsse auf unserer Beurteilung der Inflationsaussichten und der damit verbundenen Risiken, vor dem Hintergrund aktueller Wirtschafts- und Finanzdaten, sowie der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission basieren. Wir legen uns nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest.
Die heute gefassten Beschlüsse finden sich in einer Pressemitteilung auf unserer Website.
Ich werde nun näher erläutern, wie sich die Wirtschaft und die Inflation unseres Erachtens entwickeln werden. Anschließend werde ich auf unsere Einschätzung der finanziellen und monetären Bedingungen eingehen.
Wirtschaftstätigkeit
Der vorläufigen Schnellschätzung von Eurostat zufolge ist die Wirtschaft im vierten Quartal 2025 um 0,3 % gewachsen. Das Wachstum ist in erster Linie auf den Dienstleistungssektor, insbesondere den Bereich Information und Kommunikation, zurückzuführen. Das verarbeitende Gewerbe hat sich trotz der vom Welthandel und von der geopolitischen Unsicherheit ausgehenden Herausforderungen als robust erwiesen. Die Dynamik im Baugewerbe nimmt zu, auch unterstützt durch öffentliche Investitionen.
Der Arbeitsmarkt stützt weiterhin die Einkommen, obwohl sich die Nachfrage nach Arbeitskräften abgeschwächt hat. Die Arbeitslosigkeit lag im Dezember bei 6,2 %, nachdem sie im November 6,3 % betragen hatte. Steigende Arbeitseinkommen und eine niedrigere Sparquote der privaten Haushalte dürften den privaten Konsum ankurbeln. Die staatlichen Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur dürften ebenfalls einen Beitrag zur Binnennachfrage leisten. Die Unternehmensinvestitionen dürften weiter zunehmen. Außerdem deuten Umfragen darauf hin, dass Unternehmen zunehmend in neue digitale Technologien investieren. Zugleich ist das außenwirtschaftliche Umfeld weiterhin schwierig, was auf höhere Zölle und einen stärkeren Euro im vergangenen Jahr zurückzuführen ist.
Der EZB-Rat betont, dass es im aktuellen geopolitischen Umfeld dringend notwendig ist, den Euroraum und dessen Wirtschaft zu stärken. Die Regierungen sollten der Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen sowie strategischen Investitionen und wachstumsfördernden Strukturreformen Priorität einräumen. Das Potenzial des Binnenmarkts voll auszuschöpfen ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung. Zudem ist es unerlässlich, eine stärkere Kapitalmarktintegration voranzutreiben, indem die Spar- und Investitionsunion sowie die Bankenunion nach einem ehrgeizigen Zeitplan vollendet werden, und die Verordnung zur Einführung des digitalen Euro rasch zu verabschieden.
Inflation
Die Inflation verringerte sich im Januar auf 1,7 %, verglichen mit 2,0 % im Dezember und 2,1 % im November. Die Energiepreise waren 4,1 % niedriger als im Vorjahr. Im Dezember waren sie um 1,9 % und im November um 0,5 % gesunken. Die Teuerung bei Nahrungsmitteln stieg hingegen auf 2,7 %, nachdem sie im Dezember bei 2,5 % und im November bei 2,4 % gelegen hatte. Die Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel verringerte sich auf 2,2 %, nach 2,3 % im Dezember und 2,4 % im November. Der Preisauftrieb bei Waren erhöhte sich leicht auf 0,4 %. Bei Dienstleistungen ging er hingegen auf 3,2 % zurück, verglichen mit 3,4 % im Dezember und 3,5 % im November.
Die Indikatoren der zugrunde liegenden Inflation haben sich in den letzten Monaten nur wenig verändert und stehen weiterhin mit unserem mittelfristigen 2-%-Ziel im Einklang. Der Anstieg der Tarifverdienste und zukunftsgerichtete Indikatoren, wie der EZB-Indikator für die Lohnentwicklung (Wage Tracker) und Umfragen zu den Lohnerwartungen, deuten auf eine kontinuierliche Abschwächung der Arbeitskosten hin. Der Beitrag von Zahlungen, die über die Komponente der Tarifverdienste hinausgehen, zum Lohnwachstum insgesamt bleibt indes unklar.
Die meisten Messgrößen der längerfristigen Inflationserwartungen liegen weiterhin bei rund 2 %. Dies begünstigt eine Stabilisierung der Inflation in der Nähe unseres Zielwerts.
Risikobewertung
Der Euroraum steht weiterhin vor der Herausforderung eines volatilen weltweiten Politikumfelds. Ein erneuter Anstieg der Unsicherheit könnte die Nachfrage dämpfen. Eine Eintrübung der Stimmung an den globalen Finanzmärkten könnte die Nachfrage ebenfalls schwächen. Weitere Friktionen im Welthandel könnten Störungen bei den Lieferketten und einen Rückgang der Exporte verursachen sowie den Konsum und die Investitionen schwächen. Geopolitische Spannungen, insbesondere der ungerechtfertigte Krieg Russlands gegen die Ukraine, sind nach wie vor ein großer Unsicherheitsfaktor. Dagegen könnten die geplanten Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur gemeinsam mit der Verabschiedung produktivitätssteigernder Reformen sowie dem Einsatz neuer Technologien durch Unternehmen im Euroraum das Wachstum stärker als erwartet ankurbeln, unter anderem durch positive Effekte auf das Unternehmer- und Verbrauchervertrauen. Neue Handelsabkommen und eine tiefere Integration des europäischen Binnenmarkts könnten ihrerseits das Wachstum stärker ankurbeln als derzeit erwartet.
In Anbetracht des volatilen weltweiten Politikumfelds sind die Inflationsaussichten weiterhin mit größerer Unsicherheit behaftet als gewöhnlich. Die Inflation könnte niedriger ausfallen, wenn Zölle die Nachfrage nach Exporten des Euroraums stärker verringern als erwartet und wenn Länder mit Überkapazitäten ihre Exporte in den Euroraum weiter erhöhen. Darüber hinaus könnte ein stärkerer Euro die Inflation deutlicher dämpfen als derzeit erwartet. Mehr Volatilität und Risikoaversion an den Finanzmärkten könnten die Nachfrage belasten und damit auch die Inflation verringern. Dagegen könnte die Inflation höher ausfallen, wenn sich die Energiepreise dauerhaft nach oben verschieben oder wenn stärker fragmentierte globale Lieferketten die Importpreise in die Höhe treiben, die Versorgung mit kritischen Rohstoffen beeinträchtigen und Kapazitätsengpässe in der Wirtschaft des Euroraums verstärken. Sollte sich das Lohnwachstum langsamer abschwächen, könnte die Teuerung bei den Dienstleistungen später als erwartet zurückgehen. Die geplante Erhöhung der Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben könnte die Inflationsrate auf mittlere Sicht ansteigen lassen. Extremwetterereignisse und die fortschreitende Klima- und Umweltkrise ganz allgemein könnten eine unerwartet starke Verteuerung von Nahrungsmitteln nach sich ziehen.
Finanzielle und monetäre Bedingungen
Die Marktzinsen sind seit unserer letzten Sitzung gesunken. Zugleich haben die globalen handels- und geopolitischen Spannungen vorübergehend zu einer erhöhten Volatilität an den Finanzmärkten geführt. Die Zinsen für Bankkredite an Unternehmen ebenso wie die Kosten für marktbasierte Fremdfinanzierung stiegen im Dezember auf 3,6 %, gegenüber 3,5 % im November. Der durchschnittliche Zinssatz für neue Immobilienkredite belief sich im Dezember abermals unverändert auf 3,3 %.
Die Jahreswachstumsrate der Bankkreditvergabe an Unternehmen betrug im Dezember 3,0 %, nach 3,1 % im November und 2,9 % im Oktober. Die Emission von Unternehmensanleihen erhöhte sich im Dezember um 3,4 %. Der jüngsten Umfrage zum Kreditgeschäft im Euroraum zufolge nahm die Kreditnachfrage der Unternehmen im vierten Quartal leicht zu, insbesondere bei Krediten zur Finanzierung von Lagerbeständen und Betriebsmittel. Zugleich haben sich die Richtlinien für Unternehmenskredite wieder verschärft.
Die Vergabe von Immobilienkrediten erhöhte sich um 3,0%, verglichen mit 2,9 % im November und 2,8 % im Oktober, was auf eine weiterhin steigende Kreditnachfrage und eine Lockerung von Kreditrichtlinien zurückzuführen war.
Schlussfolgerung
Der EZB-Rat hat heute beschlossen, die drei Leitzinssätze der EZB unverändert zu belassen. Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich die Inflation auf mittlere Frist bei unserem Zielwert von 2 % stabilisiert. Die Festlegung des angemessenen geldpolitischen Kurses wird von der Datenlage abhängen und von Sitzung zu Sitzung erfolgen. Unsere Zinsbeschlüsse werden auf unserer Beurteilung der Inflationsaussichten und der damit verbundenen Risiken, vor dem Hintergrund aktueller Wirtschafts- und Finanzdaten, sowie der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission basieren. Wir legen uns nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest.
Wir sind in jedem Fall bereit, alle unsere Instrumente im Rahmen unseres Mandats anzupassen, um für eine nachhaltige Stabilisierung der Inflation bei unserem mittelfristigen Zielwert zu sorgen und um die reibungslose Funktionsfähigkeit der geldpolitischen Transmission aufrechtzuerhalten.
Gerne beantworten wir nun Ihre Fragen.
Der Wortlaut, auf den sich der EZB-Rat verständigt hat, ist der englischen Originalfassung zu entnehmen.
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